Leben mit einem Angsthund

Ich wollte etwas Gutes tun...


23. September 2020

Ein Beitrag über meinen zweiten Hund und wie er mich prägte.

 

Ich wollte etwas Gutes tun....
…also wurde mein zweiter Hund im Leben ein Tierheimhund. Ja sogar ein Auslandshund.

Eine 8 Monate alte Straßenhündin. Die Rute immer herab hängend und körpernah.

Sie wurde mit 4 weiteren Welpen, in ihrem Alter, aus Bosnien nach Deutschland geholt. 

Im Tierheim lebte sie bei einer alten, ruhigen Hündin, die ihr ein wenig Rückhalt geben sollte, da sie stark verängstigt war. Sie wurde uns empfohlen, da ich bereits Hundeerfahrung mit brachte und sie mit ein bisschen Geduld „ein ganz normaler“ Hund werden würde.


Doch ich musste feststellen, dass ich an meine Grenzen geriet. An die Mentalen. An das Selbstbewusstsein. Die Ausdauer. Den Selbstzweifel. So eine Art Hund ist eine ganz andere. Man kann es sich nicht vorstellen, wie schwer es einem ein Hund machen kann, sodass er einen liebt oder gar vertraut. Das wissen nur Menschen, die selbst so ein Wesen zu sich genommen haben.


Natürlich kamen kluge Ratschläge, wie “mach's mit Würstchen, denen widersteht keiner". Doch ängstliche Hunde schon… aber erstmal zum Anfang:


Wir gingen einige Male mit der Kleinen spazieren. Um genau zu sein, haben wir sie zu Beginn nur bis auf die Wiese vor dem Tierheim getragen und uns mit ihr in Gras gesetzt. Die kleine Hündin bewegte sich keinen Schritt weg. Sie hatte vor allem Angst. Menschen. Autos. Fahrräder. Blätter. Müllsäcke. Allem. Vor Allem aber auch vor Männern. Schwierig, da ich sie ja mit meinem damaligen Freund aufnehmen wollte.

Mit jedem Spaziergang schien sie jedoch mehr Vertrauen zu fassen. Zunächst trottete sie traurig hinterher. Nach ein paar Malen lief sie sogar voraus, sodass wir nach 2 Wochen sagten, wir wollen sie da rausholen. Bei jedem Besuch, waren die Startschwierigkeiten die gleichen, bis wir die bellende Meute des Tierheim hinter uns gelassen hatten.

Also zog Aurora bei uns ein.


Daheim war selbstverständlich alles schlimm. Zu Beginn fraß sie kaum. Machte fast einen ganzen Tag kein Pipi. Hasste Berührungen und wollte kein Leckerli. Wir hatten eine Katze – mit der verstand sich unser Neuankömmling Gott sei Dank wirklich gut. Auch andere Hunde waren ok und später würde sie die auch lieben lernen.


Aurora fand ihren Platz im Wohnzimmer unter der Treppe oder auf dem Sofa.

Und nur da. Denn sie verließ ihren Platz nie, außer wir forderten sie dazu auf. Auch von alleine trinken tat sie nicht. Fressen war immer ein Akt. Selten bis nie war der Napf leer.

Ich habe mit ihr Sachen gemacht, die ich niemals mit einem anderen Hund auf diesem Planeten machen würde. Sie durfte mit ins Bett und wir haben sie am Tisch gefüttert. Doch jedes Tischende war aufs Neue ein Problem und musste neu geübt werden. Am Küchentresen das gleiche Spiel.

Ich habe sie in der ganzen Zeit bei uns nicht einmal korrigiert. Immer nur bestärkt.


Einmal haben wir draußen die Autos geputzt und die Fellnase an einer Schleppleine angebunden. Als ich nach einer Weile nach ihr schaute, saß sie tatsächlich im Kofferraum der offen stand. Von ganz allein. Ein riesen Erfolg. Ein Platz an dem sie wohl zu fühlen schien. Seitdem war Autofahren kein Problem mehr.


Körperkontakt war ihr auch nach Wochen nach wie vor unangenehm. Loben war daher schwer. Hunde die solche Angst haben nehmen keine Leckerlis an. Auch kein Kraulen. Spielzeuge kannte sie sowieso schon gar nicht. 

Das ist ganz typisch für Straßenhunde, sie wissen meist nicht was spielen bedeutet - nicht wie wir spielen verstehen. Sie hat irgendwann Stöcke für sich entdeckt. Sie lief ihnen auch enorm leidenschaftlich nach und apportierte sie. Aber jeden Euro für Kuscheltiere, Bälle und Co. konnten wir uns sparen. Quietschbälle? Fehlanzeige. Zu laut!

Arbeiten mit dem Klicker? Zu laut - für solche Fälle wurde ein Softclicker erfunden. Der klickt ganz leise.

Alles was ich hatte war meine Stimme und meine Ausstrahlung.

Ich habe mit  Aurora in unser gemeinsamen Zeit verschiedene Tricks einstudiert und so meine Leidenschaft dafür entdeckt. So hatten wir langsam eine Basis auf der wir zusammen arbeiten konnten.

Neben den Grundkommandos konnte sie Männchen, sich um sich selbst drehen, winken, Pfötchen geben, an Bäume springen und sich daran abstoßen. Ich hatte das Gefühl sie so in eine andere Welt zu holen. Wir konnten uns gemeinsam Dinge erarbeiten. Ich konnte ihr zeigen, was Lob bedeutet und dass sie “mehr” kann. Dass sie ein echtes Wunder ist.


Es stellte sich langsam heraus, dass “drinnen” das Problem war. 

Das ist bei so ängstlichen Hunden durchaus ungewöhnlich, denn drinnen ist meist der sichere Hafen. Doch Aurora fühlte sich draußen im Grünen immer wohler. Wald und Wiese war es, was ihr gut tat und auch schwimmen mochte sie gern.  

Selbstverständlich waren Städte und Menschen eine Katastrophe. Sie gewöhnte sich so weit an Autos und Menschen, dass man in Ruhe an ihnen vorbei gehen konnte, doch ein echter Stadtspaziergang war purer Stress.

Der kleine Naturbursche wurde auf allen anderen Wegen immer selbstbewusster und zu manchen Zeiten dachte ich wirklich, sie sei ganz normal. Draußen konnte sie wild und frei sein und so schnell laufen wie sie ihre Beine tragen konnte.

Es kam allerdings ein neues Problem auf. Es schien, als würde ihr Gehirn nach einer Weile resettet werden. Den Rückruf hatte sie wirklich verstanden. Doch irgendwann, wenn sie frei war, kam der Wildhund in ihr durch. Ich rief und sie kam ein Stück auf mich zu und mit einem Mal traute sie sich nicht mehr weiter. Nicht zu mir. Ich verstand die Welt nicht mehr. Ich hab normal gerufen wie immer. Und ich hatte eine Engelsgeduld. Nichts. Ging ich weg lief sie mir nach. Rief ich sie, ging sie auf Abstand. Nicht nur einmal haben wir sie so versucht, gefühlt stundenlang, einzufangen. Ein Phänomen, was mit der Zeit immer seltener wurde.


Es überrascht wahrscheinlich nicht, wenn ich sage, dass sie auch Besuch nicht mochte. Oder Urlaub, bei dem wir bei fremden Leuten lebten. Doch sie ließ es über sich ergehen. Sie folgte ihrem Körbchen. Oft mehr als uns. Das Körbchen bedeutete Sicherheit.


Sie liebte wie bereits erwähnt andere Hunde. Sie schaute sich Dinge ab. Ein Rüde markierte immer ihre Pfützen, also tat sie das danach auch nochmal. Ein anderer Hund wälzte sich im Gras (eigentlich in etwas ekeligem, aber das wusste sie nicht), also tat sie es ihm gleich und von nun an wälze sie sich täglich leidenschaftlich im Gras. Es befreite sie. Es wurde klar, eigentlich wäre sie der perfekte Zweithund. Sie orientierte sich an anderen Hunden und fühlte sich mutiger. Ihre beste Fellfreundin wurde ein tapsiger Labbi von nebenan. Ein echter Rammel. Und zu unserer Verwunderung schreckte sie das nicht ab, sonder sie blühte auf. Aurora lernte quer durchs Unterholz zu rennen, zu toben, umgestoßen zu werden und nichts davon machte ihr etwas aus. An so ganz “normalen Tagen” war die Rute auch immer öfter oben. 

So lange wir draußen waren. So lange man nicht “zu viel” von ihr forderte. Merkte man, dass ihre Aufmerksamkeit kippte, wenn wir Tricks machten oder wenn sie Freilauf hatte, dann musste man schnell ein (positives) Ende finden, ansonsten verfiel sie in ihr altes Muster zurück. Da zu hocken wie ein geprügelter Hund. Niemanden an sich heran zu lassen. Nicht mehr zurück zu kommen.

Ich lernte immer mehr sie zu lesen.


Was niemals abnahm war ihre Angst drinnen und das scheinbare “Vergessen”.

Wenn wir von Arbeit wieder nach Hause kamen war sie nie ein Hund der einen begrüßte. Wie auch. Dazu hätte sie ihren Platz verlassen müssen.

Aber es schien als würde sie sich nicht erinnern wer wir waren. Jeden Tag fingen wir gefühlt von vorn an und das ist nicht übertrieben. Täglich schien sie fast panisch, wenn wir nach Hause kamen.

Sie blieb ein Hund der nie von selbst Nähe suchte. Sie akzeptierte Berührungen, doch ich glaube sie verstand nie sie wirklich zu genießen.

Ich machte dem Hund keinen Vorwurf. Sie konnte nichts dafür. Wer weiß was ihr in der Vergangenheit passiert war. Schrecklich auch nur daran zu denken. Und doch tat es weh.

Der Egoist in mir war verletzt. Einen Hund holt man sich ja auch ins Haus um Liebe zu geben und Liebe zu bekommen. Wir gaben ihr so viel. Wir waren geduldig. Nicht ein böses Wort. Nicht mal als sie mein Handy angefressen hatte. Und nichts kam zurück. Ich sah die Fortschritte. Wie sie aufblühte und selbstständiger wurde und sogar manchmal fröhlich war. Aber nie ein echter Schritt auf uns zu. Einer der sagt, “ich hab dich lieb”.


Damals als ich das dachte, genau wie heute, wo ich es schreibe fühle ich mich schlecht. Ich schäme mich dafür, dass ich so denke. Dass ich eben nicht genug getan habe. Dass sie nicht genug Zeit hatte um sich weiter an uns zu binden…


… denn am Ende war Aurora ein Trennungskind.

Es ging mit meinem Partner zu Ende. Für ihn war es undenkbar sie mitzunehmen. Noch mehr Schuldgefühle ihn mit “so einem Hunde” belastet zu haben. Weitere Schuldgefühle, weil ich schon wieder so über meinen Hund denke.

Die meisten Schuldgefühle, weil auch ich sie nicht in mein weiteres Leben mitgenommen habe.


Bayern ist undankbar für Hundehalter, insbesondere in kleinen Wohnungen. In der Zeit die ich für die Suche hatte, hat mir niemand gestattet, den Hund mit einziehen zu lassen.

Ich lernte eine Freundin meiner Betreuerin kennen, die zu gern einen Hund wollte und für Aurora offen war.

Mit einem lachenden und einem weinenden Auge erinnere ich mich, wie wir sie das erste Mal besuchten. Sie hatte ein tolles Grundstück. Ein Haus. Einen Frauenhaushalt. Eine Arbeit, bei der der Hund sie begleiten konnte und vor allem hatte sie anscheinend die Sympathie unserer Hündin.

Vom ersten Augenblick an war sie nicht abgeneigt, ja sogar neugierig und offen dieser neuen Person gegenüber.

Habe ich so viel falsch gemacht, dass ich so lange gebraucht hatte, bis der Hund mir gegenüber so offen war? Selbstzweifel. Aber auch unendliche Erleichterung, denn ich hatte eigentlich geglaubt dieses kleine Würmchen niemals vermitteln zu können und hier stand sie vor mir, die Chance einem so armen Tier vielleicht doch noch ein schönes zu Hause bieten zu können.

Es gab mehr Treffen, sogar Übernachtungspartys und am Ende entschied sich diese Freundin Aurora tatsächlich bei sich aufzunehmen.


Ich hatte vor einer Weile ein Gespräch mit einer Followerin, über “schwierige” Hunde, die aus dem Ausland oder schlechter Haltung kamen oder was auch immer sie dazu gemacht hat, was sie heute sind.

Sie hat mich dafür verurteilt, dass ich einen Hund nach seiner Vergangenheit “beurteile”. Jeder Hund sei gleich und soll ganz normal behandelt werden.


Aber wenn ich so darüber nachdenke was ich erlebt habe, bleibe ich dabei. Ich betone es sogar noch!

Es ist wichtig die Vergangenheit des Hundes zu sehen. Oft werden wir gar nicht alles erfahren, doch vielleicht können wir es erahnen und das ist wichtig! Hinhören. Hinsehen.

Einen Hund wie meinen damals hätte ich nicht wie jeden anderen behandeln können. Einfach mit ins normale Leben nehmen. Damit wäre sie völlig überfordert gewesen. Ich bin mit Sicherheit niemand, der einen Hund in Watte packt. Ich habe sie so vielen Einflüssen (herunterfallendes Besteck, Züge, weiß der Kuckuck was noch) wie möglich ausgesetzt. Doch alles mit der Zeit. Nach und nach. In ihrer Geschwindigkeit. Und ja, es gab Dinge, die ich hin und wieder geübt habe, wie in die Stadt zu gehen. Doch aufgrund ihrer Vorgeschichte, war das etwas was ich ihr nie “exzessiv aufgezwungen hätte”, damit sie es auf jeden Fall lernt. So wie bei Skyler - ja erstmal ist alles neu und beim ersten Mal war sich an der einen oder anderen Stelle bestimmt auch unsicher, aber mit Training verging das vorbei. Aurora war ein Hund dem hätte ich es nicht auflernen müssen, weil es für sie keinen Mehrwert hatte aus meiner Sicht. Sie konnte sich sicher im normalen Alltag bewegen, das war wichtig!


Ich bin davon überzeugt, sie hat noch mehr dazu gelernt und noch mehr ihrer Ängsten abgelegt. Doch von einem bin ich ebenfalls überzeugt: ein ganz normaler Hund wird sie niemals werden.


Meinungen gehen auseinander und ich bin mir sicher, nicht jeder da draußen kann verstehen, was ich hier geschrieben habe. Vielleicht verurteilt ihr mich auch.

Ich war mir unsicher, ob ich dieses Text überhaupt schreiben sollte, doch er brannte mir lange auf der Seele.

Durch Insta sehen alle nur die tolle Seite, da Skyler ein absoluter Vorzeigehund ist. Doch es war nicht immer so. Auch ich bin schon mal an meine Grenzen gestoßen. Habe vielleicht sogar einen großen Fehler gemacht, indem ich mich einem Hund angenommen habe, der mich oft auch überfordert hat. Ich war unwissend und blauäugig. Ich wollte einfach etwas Gutes tun, ohne zu wissen, was mich erwarten könnte.

Ich kannte niemanden mit “solch einem” Hund.  Immer nur Leute, die am Ende sagten “sie sind so dankbar”. So hat es sich für mich meist nicht angefühlt. Keiner hat erzählt, dass es auch schwere Momente gab. Da ist das Reallife wie Insta - es wird gern vertuscht.

Es war eine ständige Achterbahnfahrt der Gefühle und eine enorm emotionale Zeit. Wir lernten ein Tier lieben. Doch es liebte nicht zurück. Es akzeptierte uns und vertraute, doch die letzte Schwelle, so glaube ich, hat sie nicht überschritten.


Ich finde es nach wie vor ganz toll, wenn sich Leute einen Hund aus dem Ausland oder Tierheim holen, doch man sollte auf alles gefasst sein. Aurora hat man ihr Problem von vornherein angesehen. Unterschätzt sowas nicht.

Es gibt andere Vierbeiner, die wirken “normal” und ruhig, doch es dauert oft Wochen bis Monate, bis man das “wahre ich” aus einem enttäuschten Hund herausgekitzelt hat und auch dann gibt es Hunde die überraschen. Vielleicht ganz anders, mit Dominanz, beißen oder sie sind absolut traumhaft!


Einen älteren Hund zu sich zu nehmen und die Vorgeschichte nicht zu kennen ist aus meiner Sicht und aus meiner Erfahrung bzw. aus der Erfahrungen anderer immer wie ein Überraschungsei und man sollte schlichtweg auf alles gefasst sein.


Ich hoffe ich habe euch nicht zu sehr geschockt und enttäuscht.


Vielen Dank fürs Dranbleiben und Lesen.


Gern könnt ihr mich hier über das Kontaktformular oder Insta kontaktieren und eure Meinung da lassen.


Bleibt gesund, eure Doreen